70 Jahre Baden-Württemberg – ein Rededuell

70 Jahre Baden-Württemberg – ein Rededuell

Wie ticken die Menschen im Land? Ein baden-württembergisches Duell

Wasserfall - Drei Schluchten

Baden gegen Württemberg: ein humorvolles Rededuell in der Kniebishütte am Grenzweg im Schwarzwald

wasserfall drei Schluchten Region Stuttgart Baden Württemberg

Ehemalige Badisch-Württembergische Grenze am Kniebis

70 Jahre Baden-Württemberg

 

Eine Erfolgsgeschichte ist es gewiss. Doch wie steht es um die Menschen im Land? War es nur eine Zweck- oder auch, zumindest ein ganz kleines bisschen, eine Liebesheirat? Sind Badener und Württemberger mittlerweile ziemlich beste Freunde oder ewige Rivalen? Ich will es genau wissen und befrage ein badisches und ein württembergisches Urgestein gemeinsam im Doppelinterview. Daniel ist ein Urbadener, geboren in Freiburg und nun in Karlsruhe zu Hause. Ralph ist ein Urschwabe, gebürtiger Ulmer, der im Kreis Esslingen wohnt und in Stuttgart arbeitet. Genug Zündstoff also? Stuttgart versus Karlsruhe oder gar Baden versus Württemberg?

Völkerverständigung auf dem Grenzweg 🙂

 

Passend dazu sind wir, Schwaben und Badener, unterwegs auf dem Grenzweg im Schwarzwald entlang der ehemaligen baden-württembergischen Grenze von Freudenstadt nach Kniebis. Wir wandeln auf historischen Pfaden „zwischen den Fronten“, mal im einen, mal im anderen Landesteil. Zahlreiche Wurzeln und Grenzsteine sind unsere Wegbegleiter. Hindernisse wie Brombeeren und Farn, die den Weg überwuchern, werden heldenhaft zur Seite gewischt. Zu unserer Freude wuchs das Vesper gleich am Wegesrand: Blaubeeren, soweit das Auge reicht. Auch wenn der Weg nicht immer deutlich zu erkennen war, verloren wir das Ziel nicht aus den Augen: das Interview, das wir auf der Kniebishütte auf dem Kniebis – die ebenfalls in beiden Landesteilen beheimatet ist – in einer Höhe von 935 Metern führen wollten.

Wasserfall - Drei Schluchten

Schwarzwaldidylle: unterwegs auf dem Baden-Württembergischen Grenzweg

Ein Blick ins Innere der Menschen in Baden-Württemberg

unser BW: Ein Geburtstag ist ja auch immer eine Zeit, sich Gedanken zu machen und die Geschichte Revue passieren zu lassen. Nach 70 Jahren ist es für die meisten Landsleute selbstverständlich in EINEM Bundesland zu leben. Oder etwa doch nicht? Wie sieht das bei euch aus?

Daniel: Ich bin ja noch gar keine 70, von daher …

Ralph: Genau, damals waren wir noch nicht dabei

Daniel: Eben. Ich glaube, ich habe das eher durch die Eltern mitbekommen. Beim Aufwachsen hieß es immer „die Schwaben und so …“

unser BW: Das heißt, die Eltern hatten gefrotzelt?

Daniel: Ja, die Schwaben waren immer „die in Stuttgart“ und was machen die schon wieder? Also die Landesregierung war so ein Thema und auch grundsätzlich hieß es „die spinnen, die Schwaben“.

unser BW: Aha? Die spinnen? Ich dachte immer, das tun die Römer … (bei Asterix und Obelix, Anmerkung der Redaktion)

Daniel: … und die Vorurteile gab es, zum Beispiel: Pfennigfuchser und sparsam.

Ralph: Bei uns war es ähnlich. Im Endeffekt bekam man es auch über die Eltern mit. Ich hatte eine Tante in Schwenningen. Man hatte registriert, dass Villingen-Schwenningen damals zwangsverheiratet wurde und dass es dort einen badischen und einen württembergischen Teil gab. Aber da wir in Ulm weit weg von Baden waren, war das eigentlich nicht so das Thema.

unser BW: Daniel, du bist Baden stets treu geblieben. In Südbaden, in Freiburg, geboren, hast du dich entlang des Rheins gen Norden bewegt. Karlsruhe ist nun dein Lebensmittelpunkt. Hat dich der württembergische Landesteil nicht gereizt?

Daniel (lacht): Fangfrage … Darüber habe ich nie nachgedacht, das hat sich einfach so ergeben. Ich muss aber dazu sagen, ich mag den Karlsruher, aber den Dialekt finde ich furchtbar. Bei uns hat man zu Hause alemannisch gesprochen, das fand ich ja noch nett. Selbst schwäbisch hört sich für mich noch besser an als der Karlsruher Singsang.

unser BW: Ralph, du als gebürtiger Ulmer hast dich bis in die Landeshauptstadt vorgearbeitet. Zufall oder bist du bewusst in Württemberg geblieben?

Ralph: Reiner Zufall. Ich wollte damals nach der Bundeswehr in eine andere Stadt zum Studieren, und in Stuttgart war die nächste Universität. Ich habe mir da nicht so viele Gedanken gemacht. Während des Studiums fing ich bei Drees & Sommer in Stuttgart an und da bin ich heute noch. Von daher ist es auch eher unspektakulär.

Daniel: Würdest du jetzt noch mal nach Baden ziehen?

Ralph: Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Ich bin da echt offen. Ich bin für knapp 6 Jahre nach Wien gezogen und würde auch nach Baden ziehen.

Daniel: Ins Schwäbische würde ich auch noch ziehen. Aber nicht nach Stuttgart. (lacht)

Weilheim Peterskirche

Treffen sich ein Schwabe und ein Badener … Plausch auf dem badischen „Schwätzbänkle“ 

Traditionsfeindschaft oder Zugehörigkeitsgefühl?

unser BW: In Anlehnung an den PR-Gag der Landesregierung „Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ gab es in Karlsruhe die Aktion „Hässlich hier. Aber waren Sie schon mal in Stuttgart? Karlsruhe. Wir können alles ab. Außer Schwaben.“ Dieser Spruch war vor einem Jahr auf Stickern in Karlsruhe zu lesen. Ist das nur eine Städterivalität oder steckt mehr dahinter? Oder gar nichts?

Daniel: Ich glaube, da geht es um mehr als eine Städterivalität. Da geht es um die Schwaben. Aber das ist auch nur diese Frotzelei. Es gab diese Ressentiments, die bis heute erhalten blieben. Das ist eine Hassliebe. Ich wüsste jetzt niemanden, der die Schwaben abgrundtief hasst.

Ralph: Ich glaube, früher war das eher noch so gemeint, da gab es zudem den Konflikt katholisch und evangelisch. Mittlerweile ist es, so wie du es auch sagst, eher so ein Gefrotzel. Ich würde das jetzt nicht ernst nehmen und dass das jemand wirklich so meint.

Daniel: Das ist auch eine Art von Zugehörigkeitsgefühl. Wir machen einen Spaß über andere Kulturen im eigenen Land und nicht über andere Bundesländer. Das bleibt im Ländle. Wobei es im ländlichen Bereich schon noch echte Rivalitäten gibt.

unser BW: Mir kommt gerade die nicht so nette aber irgendwie auch lustige Frage in den Sinn: „Woher kommt der Schwabe, und warum ist er nicht dort geblieben?“ Kann es sein, dass die Badener eher als die Schwaben mit dem gemeinsamen Bundesland hadern und die Traditionsfeindschaft pflegen?

Daniel: Ich kenne natürlich nur die badische Seite …

unser BW: … die interessiert mich jetzt ja gerade.

Daniel: Ich hatte zum 70. Geburtstag des Landes eine Doku gesehen, bei der sich Historiker darüber ausgetauscht haben. Eine Historikerin meinte, dass der Hass in Karlsruhe aus historischen Gründen so ausgeprägt sei, da die Karlsruher den Schwaben noch heute vorwerfen, ihnen die Landeshauptstadt genommen zu haben. Aber sonst … ich kenne zu wenig Schwaben, als dass ich die Frage beantworten könnte.

Ralph: Ich habe festgestellt, dass es mehr Witze von den Badenern über die Schwaben als andersrum gibt. Wir haben uns schwergetan, etwas zu finden. Aber das bestätigt ja jetzt, dass das Thema von Baden in Richtung Schwaben ausgeprägter ist.

Daniel: … oder es bestätigt die Tatsache, dass man über die Schwaben mehr lachen kann.

Ralph: Das kann natürlich auch sein. (alle lachen)

unser BW: Kennt ihr auch Sticheleien oder Witze, mit denen sich die Württemberger gegenüber den Badenern abgrenzen, also Badenerwitze?

Ralph: Ich kenne nur die anderen.

unser BW: Ja, ich auch. Es gibt Badische und „Unsymbadische“ …

Ralph: Ja, und über Baden lacht die Sonne, über Württemberg die ganze Welt.

Daniel: Das wüsste ich gar nicht … Das stört mich auch nicht als Badener.

Ralph: Da müssten wir welche erfinden.

Der kleine Unterschied zwischen Badenern und Schwaben

unser BW: Gibt es sie überhaupt, die Unterschiede zwischen den Verwandten in beiden Landesteilen? Was ist für dich typisch schwäbisch und typisch badisch?

Ralph: Schwäbisch ist sicher „schaffe, schaffe, Häusle baue“. Das ist schon sehr ausgeprägt, dass man sich zu Tode arbeitet und zu wenig genießt. Ich glaube, die Badener können schon auch genießen.

Daniel: Och ja. Also das habe ich im Alemannischen mitbekommen, das Gemütliche, dann noch ein Viertele trinken und das Schwätzen, alles immer der Reihe nach. Und der Schwabe war immer „schaffe, schaffe, Häusle baue“ und den Pfennig dreimal herumdrehen. Nicht zu vergessen die Kehrwoche. Das hatten wir zwar auch, aber irgendwie war klar, das ist aus dem Schwäbischen.

Ralph: Ja, das ist auch so ein Klischee. Aber an so etwas ist natürlich auch immer etwas dran. Gebt ihr euer Geld dann einfach eher aus als die Schwaben?

Daniel:  Das kannst du nicht verallgemeinern. Ich glaube, bei dem Vorurteil spielt mit rein: die Schwaben mit der Landeshauptstadt, Stuttgart und Verwaltung – die schauen aufs Budget. Also ich spare jetzt nicht viel und lebe auch lieber.

Ralph: Typischer Badener. Und wir sparen wie die Bekloppten. Nein, uns hat schon ein bisschen auch Wien geprägt, weil die auch mehr Wert auf das Leben legen, kleinere Autos fahren aber dafür gut essen gehen und guten Wein trinken.

Daniel: Das ist wie die badische Gemütlichkeit.

Ralph: Wir haben versucht, das nach Schwaben zu importieren. Da können wir uns eine Scheibe von den Badenern abschneiden. Aber „schwäbische Gemütlichkeit“, gibt es das nicht auch?

Daniel: Das ist jetzt ein geflügeltes Wort.

Ralph: Da kommst Du halt als Externer nicht rein. (alle lachen)

Daniel: Das haben wir, glaube ich, beide. Mir hatte einmal ein Freund erzählt, als er nach Karlsruhe gezogen ist, hatte er riesige Probleme. Er hatte das Gefühl, dass die so pampig zu ihm waren, ihm fehlte so ein bisschen die Herzlichkeit, die er bei uns unten in Freiburg hatte. Er kam vom Bäcker zurück, war total fertig und fragte sich „Hey, was ist denn hier los?“.

Jedem sein Bänkle: Hier das schwäbische Bänkle

… und dort das badische Schwätzbänke

KSC oder VfB – das ist hier die Frage

unser BW: Nun habe ich noch etwas, das das badische und württembergische Blut zum Kochen bringen kann: Spätestens beim Fußball endet die Freundschaft: Für welche Mannschaft schlägt dein Herz? Karlsruher SC oder VfB Stuttgart oder der SC Freiburg?

Daniel: Ich bin jetzt nicht der Fußball-Fan, aber SC Freiburg schon eher. Ich mag weder Stuttgart noch den KSC. Ich finde die Rivalität immer lustig. Früher hieß es, der SC Freiburg seien die Breisgau-Brasilianer. Die waren mal richtig gut und haben sich hochgespielt in die Bundesliga. Dann wurden die ganzen guten Spieler rausgekauft und sie stiegen wieder ab. Und auch der Christian Streich ist ein typischer Badener. Wie er spricht und was er von sich gibt, so bin ich aufgewachsen. Der erinnert mich an meinen Vater.

Ralph: Der ist echt unaufgeregt und irgendwie immer entspannt, oder?

unser BW: Und du, Ralph?

Ralph: Ich bin Handballer, kein Fußballer. Wenn man im Raum Stuttgart wohnt, dann ist man schon für den VfB. Aber „Fan“ ist ganz weit weg. Ich beobachte das und wenn sie absteigen, bedauere ich es.

Maultaschen, Schäufele und Kässpätzle

unser BW: Aber mal abgesehen davon, sind wir doch eins. Wie für Ministerpräsident Winfried Kretschmann gibt es nur noch Baden-Württemberger. So, und jetzt gibt es dazu den ultimativen Test: Schwäbische Maultaschen oder badische Schäufele? Bei welchem Essen läuft dir das Wasser im Mund zusammen? Was ist dein schwäbisches beziehungsweise badisches Lieblingsessen?

Daniel: Ich oute mich jetzt gleich einmal und gebe zu, dass ich als schwäbisches Gericht nur Maultaschen kenne.

unser BW: Das ist doch schon einmal gut. Ist das dann auch deine schwäbische Leibspeise?

Daniel: Nein. Ich kenne Käsespätzle aus dem Schwäbischen, aus der Bodenseeregion. Das finde ich lecker. Das waren so selbstgeschabte, das wäre mein schwäbisches Lieblingsessen. Und dann gibt es bei uns noch ganz traditionell einmal im Jahr, auch wenn das nicht mein Lieblingsessen ist, Schäufele mit Kartoffelsalat. Das gab es bei uns früher immer an Weihnachten.

Ralph: Essen finde ich echt schwierig, da habe ich Moment keine Assoziationen. Schwarzwälder Kirschtorte finde ich super. Spargel vielleicht, zum Beispiel aus Bruchsal. Mein schwäbisches Lieblingsessen sind Maultaschen und Linsen mit Spätzle.

Weilheim Peterskirche

Grenzenlos durch das Land 

Der kleine Unterschied zwischen Badenern und Schwaben

unser BW: Was sagst du, wenn dich jemand, sagen wir mal ein Berliner, fälschlicherweise als Schwaben oder Badener bezeichnet?

Daniel: Das geht gar nicht! Da kläre ich den gleich mal auf, dass es da in Baden-Württemberg einen großen Unterschied zwischen den Schwaben und den Badenern gibt, und dass ich aus Baden komme. Das ist dann auch gleich ein ganz guter Opener für ein Gespräch.

Ralph: Das würde ich schon auch klarstellen. Also das wäre jetzt nicht schlimm, aber ich würde schon erklären, dass ich aus dem württembergischen Teil komme. Wahrscheinlich würde er das gar nicht machen und uns, wenn überhaupt, als Baden-Württemberger ansprechen. Er kennt wahrscheinlich den Unterschied gar nicht.

unser BW: Oder uns alle als Schwaben bezeichnen.

Daniel: Ja, Süddeutschland hört eh bei Stuttgart auf, und ab da ist alles Schwabenland.

unser BW: Wobei historisch betrachtet, die (Süd-)Badener Schwaben sind. Das ist leider so. (An Daniel gerichtet): Ich weiß, das hört ihr nicht gerne, aber das habe ich jetzt in meinen Recherchen wieder aufgedeckt (alle lachen). Ihr habt da schon ein hartes Los. (Das heutige Mittel- und Südbaden wurde vor einigen Jahrhunderten von Schwaben beherrscht, Anmerkung der Redaktion).

Daniel: Deshalb müssen wir uns ja so positionieren. Ich glaube auch, dass diese Unterscheidung eher noch von einem Deutschen kommt. Im Urlaub erzählst du, dass du aus Deutschland kommst, vielleicht mit der Ergänzung „aus Baden-Württemberg“.

Ralph: Aus dem schönen Süden.

Daniel: Genau.   

Beim Erfindergeist sind alle gleich

unser BW: Viele berühmte Erfinder kommen aus dem Land. Ist es für euch wichtig, aus welchem Landesteil er stammt? Dazu passt auch die Frage: Ist das berühmte Auto mit dem Stern ein Daimler oder ein Benz? (Carl Benz war Badener, Gottlieb Daimer war Württemberger, Anmerkung der Redaktion)

Ralph: Einer kommt aus Schorndorf. Das finde ich egal. Wenn es um Erfindungen geht, fühlt man sich dann schon als ein Bundesland.

Daniel: Baden-Württemberg ist das Land der Erfinder und Denker. Ich sehe das als ein Land und es ist mir Wurst, ob das ein Schwabe oder Badener war. Es ist ein Baden-Württemberger, dann zähle ich die Schwaben lieber noch mit. (alle lachen)

unser BW: So werden es in der Summe einfach noch ein paar mehr …

Daniel: Und dann gab es den Drais, der das Fahrrad erfunden hat.

Ralph: Albert Einstein, ein Ulmer, aber da war er nur ganz kurz.

Daniel: Die erste E-Mail kommt auch aus Karlsruhe

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Karlsruhe versus Stuttgart – ein ewiger Kampf?

Schwäbisch, Alemannisch oder Fränkisch

unser BW: Dann gibt es noch die Unterschiede bei den Dialekten, auch wenn dies Leute aus anderen Bundesländern manchmal kaum wahrnehmen. Schwaben schwätzen schwäbisch. Badener alemannisch und fränkisch. Und ihr?

Daniel: Bei mir ist es Alemannisch, Karlsruhe hat einen eigenen Singsang, ganz furchtbar …

unser BW: Soll ich das aufnehmen, stehst du da dazu? (alle lachen)

Daniel: Eine neue Front aufmachen …

unser BW: Ja, Südbaden gegen Nordbaden …

Ralph: Dann wirst du aus Karlsruhe noch vertrieben.

Daniel: Bei uns war es, wie gesagt, Alemannisch, wobei es vermischt sich ja immer. Je südlicher du Richtung Lörrach gekommen bist, kam das Schwyzerdütsch mit rein. Teilweise gab es auch bei uns, das fand ich ganz krass, Wörter wie „Huschtegutsele“

unser BW: Hustenbonbons? Bonbole?

Daniel: Ja. Bei Offenburg, das auch nur 50 oder 60 Kilometer entfernt liegt, sagten sie schon „Fierstei“ dazu (was wohl für Feuerstein steht, Anmerkung der Redaktion). Ich habe aber wenig Dialekt gesprochen und versuchte, mich normal zu artikulieren (lacht). Da gab es doch diesen Witz: „Bisch in Friburg gsi? Er meint gwä“.

unser BW: Ralph, fallen dir Unterschiede im Schwäbischen zwischen Ulm und Stuttgart auf?

Ralph: Das sind nur Nuancen. Ostalb-Schwäbisch, Ulmer oder Stuttgarter Schwäbisch – das sind eher einzelne Wörter und wie sie betont werden. Man kann alles verstehen.

unser BW: Wie lange hast du in Ulm gewohnt?

Ralph:  19 Jahre. Und in Ulm habe ich schwäbisch „gschwätzt“, das wurde jedoch später weniger, weil man um sich herum weniger Ulmer hatte.

Karlsruhe, die bessere Landeshauptstadt?

unser BW: Über 70 % der Leser:innen einer nicht repräsentativen Umfrage der KA-News meinen, Stuttgart könne einpacken und Karlsruhe würde sich besser als Regierungssitz Baden-Württembergs eignen. Was meint ihr? Wäre Karlsruhe die bessere Landeshauptstadt?

Ralph: Schwierige Frage. Also ich würde ja sagen, Ulm wäre die beste (lacht). Warum soll das besser sein? Ich bin jetzt nicht so begeistert von dem, was die Stuttgarter machen, aber ich wäre wahrscheinlich auch nicht so begeistert, was die Karlsruher machen. Ich finde, da muss sowieso mal wieder frischer Wind rein. Es müssten eher mal die Jungen ran, egal ob in Karlsruhe oder in Stuttgart.

Daniel: Karlsruhe hat schon genug Bürokratie, das muss jetzt nicht noch Landeshauptstadt sein. Wir haben den Bundesgerichtshof, wir haben das Bundesverfassungsgericht. Das reicht. Wir sind ohnehin schon so eine Beamtenstadt, da soll die Landesregierung ruhig in Stuttgart bleiben.

Streitfrage: Welche Fahne darf auf einem Landesgebäude wehen?

unser BW: Schwarz-gelb, statt gelb-rot-gelb: Ein Flaggenstreit erregte 2018 manches Gemüt in Karlsruhe. Ist es überhaupt wichtig, welche Fahne auf dem Karlsruher Schloss oder auf anderen Landesgebäuden weht? (auf Landesgebäuden dürfen nur Landes-, Bundes- oder Europafahnen wehen, Anmerkung der Redaktion)

Daniel: Ich fand die daraus entstandene Diskussion übertrieben, weil es um das Karlsruher Schloss mit dem Badischen Landesmuseum geht. Da kann auch die badische Flagge wehen, da empfinde ich eher die Verordnung lachhaft. Was viel spannender war, dass sie zu der Ausstellung „Revolution“ die rote Flagge gehisst hatten, und lange Zeit war die Europaflagge oben und unten Flaggen von Ländern, in denen Krieg herrscht. Ein starkes Statement.

Ralph: Kein Stuttgarter hätte etwas dagegen, wenn bei euch die badische Flagge auf dem Schloss weht.

Kooperation mit dem „Erzrivalen“

unser BW: Hast du schon einmal beruflich im „feindlichen Landesteil“ zu tun gehabt? Wenn ja, wo? Wie empfandest du die Zusammenarbeit?

Ralph: Oft. Ich habe in Pforzheim und in Karlsruhe Bauprojekte begleitet und betreue aktuell Projekte wiederum in Karlsruhe und in Weil am Rhein. Ich bin fast mehr in Baden unterwegs als in Württemberg. Und die Zusammenarbeit funktioniert immer gut.

unser BW: Arbeitest du dort mit Badenern zusammen?

Ralph: Zumindest habe ich in Karlsruhe damals die besten Spargelspitzen ever bekommen, die der Bauleiter aus Bruchsal mitgebracht hatte. Bei ihm wusste ich, dass es ein Badener war, aber ansonsten fragt man das ja auch nicht. Es ist eigentlich „wurscht“.

Daniel: Ich habe auch keine negativen Erfahrungen. Ich wüsste gar nicht, ob ich jemals bewusst mit Schwaben zu tun gehabt hätte. Obwohl, wir haben eine Schwäbin im Verein, mit der wir gut auskommen. Aber die verheimlicht das. Ich vergesse immer, dass sie Schwäbin ist, weil sie so …

Ralph: … nett ist? (alle lachen)

Daniel: Gell? Es hat sich noch keiner beschwert. Für das Protokoll: Es war alles ironisch.

Ende gut, alles gut

unser BW: Wohin führst du deine badischen/schwäbischen Freunde oder Verwandten, um deine Heimat im besten Licht darzustellen?

Daniel: In den Schwarzwald.

Ralph: Zum Wandern würde ich auf die Schwäbische Alb. Ich würde nach Ulm auf das Ulmer Münster und ins Fischerviertel, das wirklich super schön ist. Um die Landeshauptstadt zu erkunden, kann man den Blaustrümpflerweg machen.

Daniel: Ja, zum Wandern auf jeden Fall Schwarzwald. Ansonsten würde ich Karlsruhe und vielleicht Freiburg noch zeigen. 

Ralph: Genau. Die haben auch ein Münster, ist halt nicht ganz so hoch wie unseres … (alle lachen)

unser BW: Herzlichen Dank für das Interview. Ich stelle fest, dass Baden-Württemberger einfach großartige und humorvolle Leute sind. Lasst es mich mit den Worten von Marlies Blume im Kabarett Baden gegen Württemberg beenden, die zum Schluss meint, dass das doch alles „oins isch – Schwaben und Badener send wie Frankfurter und Wienerle – des isch Wurscht“.

Das Interview führte Evelyn Scheer.

Anmerkung:

Auch wenn es historisch nicht korrekt ist, setzen wir jetzt einmal der Einfachheit halber Württemberger und Schwaben gleich.

Wandertipps: 

Du möchtest dich auch auf den baden-württembergischen Grenzweg im Schwarzwald begeben? Mehr dazu gibt es bei Outdooractive

Daniels beste Touren, unter anderem auch eine Grenzweg-Wanderung, findest du auf der Website der Wanderpiraten.

Hinweis:
Die Werbung in diesem Beitrag für die Wanderung „Grenzweg“ und die Kniebishütte, die ich nenne und teilweise verlinke, erfolgt unbeauftragt und ohne Bezahlung.

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Umweltschutz Schwarzwald Sabine Hötzel

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Interview mit Naturliebhaberin, Umweltschützerin, Waldreinigerin und Instagrammerin Sabine Hötzel: Die Baden-Badenerin Sabine Hötzel ist ein Vorbild. Sie sammelt im Schwarzwald den Müll ein, den andere hinterlassen. „Bitte benehmt euch wie Tiere“, rät sie. Denn Tiere hinterlassen keinen Müll. Menschen schon. „WalkIn, TrashOut“ ist ihr Motto. Sie hofft, so viele Menschen wie möglich zu gewinnen, die ihrem Beispiel folgen.

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