Jahrhundertealte Tradition: Backhäuser
“No net hudla” beim Brotbacken
Ein Brot zu backen, dauert seine Zeit. „No net hudla“, zu Deutsch „immer mit der Ruhe“ – oder wie die Jugend sagen würde „chill mal“ – ist eine wichtige Grundregel. Die schwäbische Phrase hat ihren Ursprung in den Backhäusern: Früher wischten Bäckersleute die heiße Asche mit einem nassen „Huddl“ aus dem Ofen, bevor sie das Brot einschossen.
In Mettingen ist diese Praxis damals wie heute aktuell, erklärt Doris Eisenmann, die Vorsitzende des „Fördervereins für die Erhaltung des Mettinger Backhauses und bäuerlichen Brauchtums“. Der „Huddl“ ist eine lange Holzstange mit einem nassen Rupfensack. Aber gemächlich geht es beim Auswischen ganz und gar nicht zu, da sonst der „Huddl“ verkohlen würde. Brotbacken ist eine Wissenschaft für sich und aufwendig dazu. Lohn der Arbeit ist der Genuss. Der Duft eines frisch gebackenen Brotes ist so verführerisch, dass vielen schon beim bloßen Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenläuft.

Backhäuser auf königliche Anordnung
Im Landkreis Esslingen sind zahlreiche historische Backhäuser erhalten, die nicht nur Zeugnisse regionaler Backtradition sind, sondern heute vielfach von Vereinen und privaten Gruppen genutzt werden. Bürgerinitiativen und Kommunen engagieren sich in verschiedenen Städten und Gemeinden, um historische Backhäuser zu restaurieren und zu pflegen.
Die Tradition der Backhäuser reicht bis ins Mittelalter zurück, ihre flächendeckende Verbreitung wurde im 17. Jahrhundert durch hoheitliche Einschränkungen privater Hausbacköfen vorangetrieben, in Württemberg noch verstärkt durch die Feuerlöschordnung von 1808. Backhäuser fördern den Austausch in den Dorf- oder Stadteilgemeinschaften und die Wertschätzung echten Handwerks.
Nicht zuletzt tragen Backhäuser zur nachhaltigen Ressourcennutzung bei, indem unter anderem dünnes Reisig, das beim Obstbaumschnitt anfällt, gebündelt zu Reisigbüscheln (im Schwäbischen als „Krähle“ bezeichnet), zum Anfeuern verwendet wird. Nicht alle Backhäusle haben einen historischen Ursprung. Es entstehen auch neue Gemeinschaftsbackhäuser wie das in der Alten Seegrasspinnerei in Nürtingen, die den Trend zum gemeinschaftlichen Backen aufgreifen und Raum für interkulturellen Austausch bieten.


Duftende Tradition im Backhaus Esslingen-Mettingen


Den Weg zum Backhaus würde man mit verbundenen Augen finden. Nur dem Duft entlang. Brote, Ciabatta und herzhaft belegte Dinnete ziehen die Passanten wie magisch an. Es ist Backtag in Mettingen und die Mitglieder des Backhausvereins wirbeln in dem kleinen Backhaus aus Sandstein umher. Teig vorbereiten, portionieren, Brote formen und Feuer machen stehen auf dem Tagesprogramm.

Konrad Ruthradt füllt Äste und Reisig in den Brenn- und Backraum, zündet alles an und sorgt für die perfekte Temperatur von 300 bis 400 Grad im Ofen. Ist sie erreicht, räumt er den Ofen aus, indem Asche und Glut entfernt werden. Dann kommt der Huddl zum Einsatz. Alles geht rasend schnell. Das eingespielte Team um Doris Eisenmann und Petra Haber arbeitet Hand in Hand. Mit einem Schieber schießen sie die Teiglinge in den Backraum ein. Was in der Bäckersprache martialisch klingt, bedeutet einfach nur hineinsetzen. Bis zu 42 Brote haben Platz. 40 entspannte Minuten später erblicken die Laibe wieder das Tageslicht – doch nur kurz, die Brote werden für eine gleichmäßige Bräune umgesetzt. Nach weiteren 30 bis 40 Minuten sind sie fertig.
„Wenn man auf den Laib von unten klopft, muss es hohl klingen, dann ist es fertig“
Doris Eisenmann.



Kleinod stand kurz vor dem Abriss
Das Backhaus in Mettingen entstand als Folge der Vorschriften König Wilhelms I. von Württemberg, der freistehende Gemeindebackhäuser aus Brandschutzgründen anordnete. Die Weilergenossenschaft errichtete 1865 in Mettingen gegenüber der Liebfrauenkirche ein gemeinschaftliches Backhaus. Das Gebäude, das heute unter Denkmalschutz steht, vereinte ursprünglich eine Schnapsbrennerei und einen Backraum. Während die Brennerei bis 1970 betrieben wurde, verlor das Backhaus danach an Bedeutung und stand zeitweise vor dem Abriss.
Erst die Gründung des Backhausvereins im Jahr 1978 verhinderte den Verlust und führte zur Erhaltung und Wiederbelebung des Bauwerks. Der Verein hat heute etwa 15 Mitglieder zwischen 25 und 70 Jahren. An den Backtagen kannst du das frisch gebackene Brot direkt im Backhaus kaufen. Auch leckere Probiererle machen Lust auf mehr (gegen Spende). Übrigens: Am liebsten würdest du gleich selbst backen? Das ist möglich, es gibt noch Platz für neue Mitglieder.
Wo gibt es noch Backhäuser?
Wie viele Backhäuser derzeit im Kreis Esslingen noch betrieben werden, ist nicht bekannt. Wir haben uns in ein paar Städten und Dörfern auf die Suche gemacht und noch einige von den kleinen Häuschen mit den Riesenkaminen entdeckt. Manche davon stehen allen Interessenten offen, andere wiederum den eigenen Bürgern der Gemeinde, wieder andere sind nur bei Events geöffnet. Es lohnt sich also, mal einen Blick auf die Webseiten zu werfen.
Zwei auf einen Streich: Backhäuser in Wendlingen
Wendlingen erfreut sich zweier öffentlicher Backhäuser. Eines ist Teil des Stadtmuseums Unterboihingen, das 2005 vom Museumsverein Wendlingen-Unterboihingen in Betrieb genommen wurde. Im Museum können neben der Dauerausstellung im barocken Pfarrhaus unter anderem auch das Back- und Waschhaus besichtigt werden. Wer es selbst testen möchte, kann dort auch backen.
Das andere Backhaus steht im Weiler Bodelshofen. Es wurde 1990 auf Initiative des Bürgervereins Wendlingen e.V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Wendlingen wiedererrichtet. „Es qualmt saumäßig“, sagt Sabine Köster, die Ansprechpartnerin des Backhauses. Deshalb sind die Öffnungszeiten zum Schutz der Anwohner eingeschränkt: freitags ab 12 Uhr und samstags ab etwa 8 Uhr
Kontakt und weitere Infos: Interessierte wenden sich für das Backhaus Bodelshofen an Claudia Geiger, Telefon 07024/809210 oder Sabine Köster, Telefon 07024/2774. Die Nutzungsgebühr beträgt 10 Euro, das benötigte, trockene und abgelagerte Reisig ist selbst mitzubringen. Ansprechpartner für das Backhaus Unterboihingen ist Peter Hoefer, Telefon 07024/501055. Die Backhäuser stehen allen Einwohnern Wendlingens offen; auch externe Besucher können nach Absprache zugelassen werden


Die Tradition lebt! Sechs Backhäuser in Lenningen
In sechs von sieben Ortsteilen stehen in Lenningen den Einwohnern noch öffentliche Backhäuser zur Verfügung: Unterlenningen, Oberlenningen, Brucken, Schlattstall, Gutenberg und Schopfloch pflegen die alte Tradition bis heute. Jeder bringt sein eigenes Brennmaterial (meist Reisig) und Brotteig mit. Die Backhäuser sind mit bis zu vier Holzöfen ausgestattet. Pro Nutzung fällt eine Gebühr von vier Euro an.
https://www.lenningen.de/leben-wohnen/oeffentliche-einrichtungen/backhaeuser




Brauchtum wird in Aichwald großgeschrieben
Die Gemeinde Aichwald besitzt insgesamt fünf Backhäuser, die sich auf die Ortsteile Aichelberg, Aichschieß, Krummhardt und Schanbach verteilen. In Aichschieß gibt es sogar zwei Backhäuser, eines in der Alten Dorfstraße und eines im Grünen Weg. Backtage und Veranstaltungen in den historischen Kleinoden sorgen dafür, dass das Brauchtum auch in der heutigen Zeit weiterlebt. Rund um das Krummhardter Backhäusle zum Bespiel fand erst im August ein Dorffest mit Schaubacken statt.
https://www.aichwald.de/start/freizeit+_+kultur/backhaeuser.html


Das vermutlich jüngste Backhaus steht in Nürtingen
Auf dem Hof der denkmalgeschützten Industriebauten der Alten Seegrasspinnerei aus den 1870er Jahren steht seit 2016 ein vergleichsweise junges Backhaus. Es wurde von der Jugendwerkstatt des Trägervereins Freies Kinderhaus aus altem Bauholz und mit selbst hergestellten Lehmziegeln erbaut. Jeden ersten Mittwoch ab im Monat von April bis Oktober ist Backhaustag. Ab 18 Uhr geht es los, dann kann alles von Brot über Pizza bis Kuchen in den Ofen. Der Teig für die Backwerke muss mitgebracht werden. Geeignet ist das Backhaus für unterschiedliche Veranstaltungen wie Vereinstreffen, Geburtstags- oder Betriebsfeiern.
www.seegrasspinnerei.de/projekte/backhaus
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